Eßstörung? Sehstörung?

Ich hatte neulich in einem Artikel im Nebensatz fallen lassen, dass wenn man einen Bodybuilder/ eine Bodybuilderin oder Fitness/Kraftsportler kennt und diesen beim Essen beobachtet oder sein Essverhalten sieht/mitbekommt, man unweigerlich Parallelen zu jemandem ziehen kann der an einer Eßstörung jeglicher Art erkrankt ist…

Darauf würde ich gerne genauer eingehen, denn das Thema ist eigentlich zu Ernst um es nicht in einem extra Artikel genauer zu betrachten…

Fitness Lifestyle macht einsam.

Samstags Abends mit mehreren Leuten essen gehen? Auf nen Burger? Oder nen paar Taccos, oder ne Pizza?
Klar. Gerne. Aber wartet nicht auf mich, bestellt schon mal, ich esse in der Zeit im Auto aufm Parkplatz meine Portion Hühnchen mit Reis und Gemüse.

Oder wir gehen ins Steakhouse. Bitte „dann 300 gr Filetsteack, ne Ofenkartoffel, rund 250 gr ohne irgendeinen Quark, also nur die reine Kartoffel und… gibt es die Möglichkeit einfach Brokkoli zu bekommen? Oder anderes Gemüse? Wie, Pfannengemüse? Ach, sind da Karotten drin? Ähm, ach und gebraten mit Öl? Ähm, nee, dann nicht. Champignons? Auch in Öl angebraten… ach, also, kein Brokkoli, nee, danke, dann nur das Fleisch und die Kartoffel. Aber denken Sie bitte daran dem Koch zu sagen das er sie auf 250 gr. abwiegen soll. Danke.“

Mal schnell in den Rewe? Nen paar Gurkengläser studieren? Na klar.

Zum grillen eingeladen? Klar, gerne komme ich. Nee, kein Stress, ich bringe mein Essen selbst mit.

„Hier, ich hab schon mal gekocht. Wie, wie viel Reis? keine Ahnung. den hab ich vorher doch nicht abgewogen?“

Und ich hätte vermutlich noch ca. 200 Beispiele wie das Leben mit jemandem wie mir aussehen kann. Und prinzipiell hört sich das ja auch erst mal recht komisch an. Ist es in Wirklichkeit aber nicht.

Ich kann natürlich nur von mir sprechen, und ich kenne auch niemanden der an einer „richtigen“ Essstörung erkrankt ist, und vor allem soll das nicht despektierlich klingen, aber bei mir ist das wie eine Art Blockade, die verbietet einfach mal _zu Essen_.
Immer rechne ich im Kopf Kalorien und Makros mit. Und da das nicht immer ganz einfach ist, gehe ich ungern essen bzw. habe mein Essen dabei.

Am nächsten Wochenende (24.06.) bin ich das Wochenende in Kiel zur Kieler Woche eingeladen. Ich höre jetzt schon die dummen Sprüche wenn ich im Zug dorthin meine Tupperdosen auspacke und mein Huhn mit Reis verspeise.

Iss doch mal ne Woche „normal“.

Toller Tipp. Den kann ich neben „ist das nicht eintönig, immer Huhn mit Reis?“ einrahmen und an die Wand hängen. Denn die Ansicht, was normal ist, liegt ja immer im Auge des Betrachters. Für mich ist das was ich tue normal. Für andere ist McDonalds normal. Bitte. Ich würde nie auf die Idee kommen, jemandem vorzuhalten das er sich ne Currywurst Pommes Mayo oder nen BicMäc Menü reinpfeift, packe ich aber nen Shaker aus und frage nach etwas Leitungswasser bin ich der Freak, mit dem man „nirgends wo hin gehen kann.“

Ich möchte nicht wissen wie oft jemand, der an Essstörung erkrankt ist, diesen Tipp gehört hat, einfach mal „normal“ zu essen. Was meint Ihr wie gerne dieser Mensch mit dem Spuk in seinem Kopf aufhören könnte und einfach mal essen kann.

Was meint Ihr, wie oft ich Leute beneide die einfach irgendwo sitzen, essen und trinken was sie wollen, es geniessen und sich keinen Kopf darüber machen, was danach passiert?Und beneide die um ihr Selbstbewusstsein das ich leider nicht hatte und auch nicht habe!

Damit wäre ich bei dem 2. Teil der Überschrift:

Sehstörung!

„Du bist doch dünn genug!“

„Du bist doch auch gross…!“

„Meinst Du nicht, es reicht jetzt? Du siehst schon krank aus…!“

Diese Sätze, irgendwann rahme ich mir das Best Of davon mal ein. Wie oft ich in der letzten Zeit, natürlich auch positiv, angesprochen wurde kann ich nicht zählen. Das ist auch toll. Aber… jemand der mal so ausgesehen hat wie ich, dem kann man vermutlich mitm Vorschlaghammer einprügeln das er jetzt Grösse L trägt, der peilt es im Spiegel nicht.

Datei_000-2

Diese Art Bild ist fest im Hinterkopf verankert.

Ich bezeichne das immer ein wenig flappsig als „Spiegelkrankheit“. Das Unvermögen sich selbst im Spiegel zu sehen. Oder nicht das positive sondern das negative zu sehen.

Das hört sich im ersten Moment an wie „nu stell Dich mal nicht so an!“. Ist es aber nicht.

Schaue ich in den Spiegel, sehe ich den Typen da oben. Genau den. Denn der Typ da oben hat sich jahrelang etwas vorgemacht. Sich jahrelang gesagt, es „ist halt so.“, Du bist halt kräftig und Du bist halt etwas mächtiger, und Du bist ja auch gross!

NEIN! Ich war fett. Und das kann ich MIR auch so sagen. Und zwar nur MIR. Und nur ICH darf das.
Nein halt. Ich muss das. Denn wenn ich nicht aufpasse, nicht jedes Gramm abwiege, nicht zum grillen meine Tupperdosen mitbringe, Trainingseinheiten sausen lasse oder Cardio schwänze… dann sehe ich wieder so aus wie der Typ da oben.

Und das…. ist eine grössere Horrorvorstellung als kaltes Huhn mit Reis und Brokkoli. Das könnt Ihr mir glauben.

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2 Gedanken zu “Eßstörung? Sehstörung?

  1. Oha. Gut gebrüllt. Wobei ich da schon ne kleine Obsession rauslese.
    Ich habe puh… In den letzten 7 Monaten (Wie viele Wochen sind das? :’D) auch 20kg abgenommen. Weniger durch Ernährung, mehr durch Sport und nen guten Motivator. Naja, seit Ende Juni ist die Waage ziemlich ungnädig und lässt mich warten, aber ich bin geduldig und rede mir ein, meiner Haut so genug Zeit zu geben, sich anzupassen.
    Aber das mit der Spiegelkrankheit kenne ich auch.
    Wären da nicht die positiven Kommentare aus dem Umfeld und die Kleidung, die plötzlich kleiner passt, würde ich nicht sehen, dass ich mich verändert habe.
    Ich beneide dich allerdings echt ein wenig um die Ernährungsdisziplin. 🙂

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  2. Scheiße, ja.

    Das ist endlich mal ein Post, aus dem herausspricht, was ich die ganze Zeit habe. Warum ich mich nicht im Spiegel sehen kann, wie andere mich sehe. Warum ich im Lokal immer noch Salate bestelle. Warum ich bei McDonald’s wirklich *nichts* bestelle außer Cola light.

    Danke.

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